Lieber Karate Kid und Yoda als Zahlen und Verbote

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Es geht in die nächste Runde. Aber das bedeutet auch, dass der Gegner noch nicht am Boden geschweige denn k.o. ist. Gefühlt wird es einfacher. Gleichwohl dürfen wir uns nicht selbst schwächen, in dem wir zu früh euphorisch werden und mit dem vermeintlichen Sieg vor Augen die notwendige Wachsamkeit verlieren oder - in der Sprache der Kampfkünstler - die eigene Deckung vernachlässigen, weil wir meinen, der Gegner torkelt schon. Im zu frühen Siegesrausch haben sich schon manch mögliche Erfolge in ihr Gegenteil gewandelt.

Jetzt kommt es also darauf an, dass unsere eigenen inneren Systeme, die für Entscheidungen, Verhalten und Handeln zuständig sind, uns nicht selber auf die Bretter schicken. Und gerade die jetzige, von viel Optimismus begleitete Runde, stellt die größten Herausforderungen an ein erfolgreiches Zusammenspiel von unseren bewussten und unbewussten sowie rationalen und emotionalen Anteilen dar.

Woran liegt das?

Bisher war es schon schwierig genug, uns an die empfohlenen Regeln zu halten, aber die Selbstkontrolle funktionierte. Es ist wahrlich nicht schön gewesen, unsere tiefen Bedürfnisse nach Nähe und Berührung, Austausch und Spiel oder Abwechslung und kulturellen Erlebnissen hintenanzustellen und die gegenseitige Distanz zu wahren, strenge Hygieneregeln zu beachten und lästige Masken zu tragen. Zu groß war allerdings die nachvollziehbare und sinnvolle Angst vor den Folgen des Virus (Treffern des Gegners). Den nach Nähe suchenden Kräften standen stärkere, den Abstand fordernde, Emotionen entgegen. Genährt wurden diese durch die dramatischen Bilder von Intensivstationen, Leichenwagen und Massengräbern. Und Bilder sind die Sprache, die unsere für Gefühle zuständigen Hirnbereiche sprechen. Gut so, denn in gefährlichen Situationen rettet uns die schnelle emotionale Reaktion. Bei Gefahr muss es schnell gehen, das stellt Überleben sicher. Ausgeklügelte Analysen und rationale Erwägungen, die auf Sprache und Argumenten beruhen, dauern viel zu lange. Wenn sie abgeschlossen sind, sind wir längst besiegt, wenn nicht sogar tot.

Umso besser jedoch, wenn Bewusstes und Unbewusstes, Emotionales und Rationales nicht im Konflikt stehen, keinen zusätzlichen inneren Kampf gegeneinander kämpfen, sondern an einem Strang ziehen, gemeinsam gegen einen äußeren Gegner Schulter an Schulter dasselbe Verhalten und Handeln von uns fordern. Bis jetzt war das so...

Was hat sich geändert?

Die äußere Situation ist entspannter, der unsichtbare Gegner scheint angezählt. Die Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland und vielen europäischen Staaten sind rückläufig. Öffnungsszenarien der Grenzen werden diskutiert und politische Entscheidungen getroffen, die eine Möglichkeit des Urlaubs in den Bergen oder an den sonnigen Stränden des Mittelmeers wieder in die Nähe des Realistischen rücken. Das ist natürlich genauso erfreulich, wie die Öffnung der Cafés und Restaurants, der Spielplätze und Schulen, der Kitas und Altenheime. Und nicht nur für unsere emotionalen und sozialen Bedürfnisse ist diese Entwicklung wichtig, sondern auch um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen nicht noch dramatischer werden zu lassen, als sie es bisher ohnehin schon sind. Diese positiven Auswirkungen unseres besonnenen Verhaltens führen zu einem mehr als nachvollziehbaren „endlich-dürfen-wir-wieder“. Mit dieser Entwicklung kommt es auf der psychologischen Seite zu zusätzlich verstärkenden Dynamiken. Die Angst wird geringer oder tritt vollkommen in den Hintergrund. Anderen geht es genauso, die Herde geht nun gemeinsam in die andere Richtung und das verstärkt unser eigenes Mutiger-Werden. Endlich kann die über Wochen notwendige aber enorm energiezehrende und anstrengende Selbstkontrolle heruntergefahren werden. Endlich kommen unsere zurückgehaltenen Bedürfnisse wieder zu ihrem Recht, was mit langersehnten Glücksgefühlen einhergeht.

Jetzt geht es darum, diese Entwicklung fortzusetzen, dranzubleiben, dem Gegner nicht die Chance zu geben, wieder auf die Beine zu kommen und einen erneuten Angriff zu starten, der uns weitaus mehr schwächen würde, als es der erste schon getan hat. Aber das Virus ist perfide und macht es uns nicht leicht. Es zeigt sich erst verzögert und lässt uns damit kurzfristig im möglicherweise irrigen Glauben, wir hätten es bereits geschafft, unsere Taktik sei aufgegangen und es sei besiegt. In diesem Glauben werden wir nachlässiger, unvorsichtiger und sind dadurch wieder verwundbarer.

Worauf kommt es jetzt an?

Doch was können wir tun, wo doch dem Anschein nach wieder alles so aussieht, als könnte es wie vorher sein? Wo Verbote oder starre Regeln immer weniger Akzeptanz finden, weil sie unseren Bedürfnissen widersprechen und zudem auch aus der Entwicklung der Zahlen nur schwer zu verstehen sind. Wo die Selbstkontrolle sich aufgezehrt hat, weil auch sie - gleich einem Muskel - nur begrenzt Energie zur Verfügung hat und dann erst einmal eine Pause braucht. Und wo wir der mahnenden Worte der wirklich renommierten und wissenschaftlich über jeden Zweifel erhabenen Professoren überdrüssig sind und die täglichen aktuellen Sendungen zum Thema nicht mehr sehen und hören können.

Eine Möglichkeit ist es, die kraftvollen Möglichkeiten unseres Unbewussten für uns einzusetzen. Vielleicht hätten wir schon viel früher mehr auch auf diese Karte setzen sollen. Der gezielte Einsatz dieser inneren Kräfte macht es uns leichter, Verführungen zu widerstehen, die uns zwar kurzfristig Befriedigung verschaffen, aber von denen wir wissen, dass sie mittel- und langfristig gefährlich oder schädlich sein können. Wir müssen nur an unsere gutgemeinten Neujahrsvorsätze denken, die aus der Vernunft geboren uns zu mehr Sport, gesünderem Essen, weniger Alkohol motivieren sollen. Diese Vorsätze laufen nach kürzester Zeit ins Leere entfalten keine nachhaltige Wirkung, wenn sie nur von der bewussten und rationalen Seite unterstützt werden und die emotionalen und unbewussten Anteile nicht mit ins Boot geholt werden und so wohlmöglich noch in unterschiedliche Richtungen ziehen.

Die Werbung weiß, wie es funktioniert und setzt das nicht immer nur zu unserem Besten ein. Sie spielt mit emotionalen Bildern und bringt mit wohlausgesuchter begleitender Musik unsere Gefühle in positive Schwingung, verknüpft sie unmerklich mit ihren Produkten und schafft es so, uns manches Mal über den geschickten Weg des unbewussten emotionalen Erfahrungsgedächtnisses zu Käufen zu motivieren, die unsere Vernunft niemals getätigt hätte.

Den gleichen Mechanismus können wir selbst zu unserem eigenen Vorteil einsetzen. Über ihn bekommt unsere Selbststeuerung die notwendige positive Energie, die über rigide Verhaltensregeln, mahnende Appelle oder nüchterne Zahlen niemals erreicht werden kann. Er hilft uns, uns selbst zu regulieren, wenn wir zwar wissen, was eigentlich besser für uns ist, die Umsetzung, aber schwerfällt. Wir alle haben in unserem emotionalen Erfahrungsgedächtnis die geeigneten Erinnerungssequenzen, die uns unterstützen können. Seien sie real oder vielleicht auch aus der literarischen oder filmischen Phantasiewelt. Wir müssen nur auf die Suche in unserem inneren Archiv gehen, welcher unserer unendlichen Erinnerungsclips uns die notwendige Energie für den gewünschten Weg gibt.

Lassen Sie uns viel öfter auf diese Weise selbst unsere unbewusste Seite ansteuern, unseren eigenen inneren Erinnerungsclip und eignen Werbespot ablaufen, der uns mit positiven Bildern, selbstgewählten lebenden oder erfundenen Vorbildern und emotionalen vielleicht auch humorvollen Slogans und Claims in unserem inneren aber auch äußeren Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner unterstützt.

Nicht nur Kinder, sondern auch die emotionalen Anteile in uns Erwachsenen, lernen auf fast wundersame Weise, wenn wir in Karate Kid unterhaltend miterleben, dass Selbstverteidigung und der eigene Schutz nur durch nachhaltige Konsequenz und aufmerksame Wahrnehmung aufgebaut werden kann.

Und wenn Yoda uns morgens mit seiner Weisheit „Vergessen du musst, was früher du gelernt“ in den Tag starten lässt, dann lässt uns dies nicht nur innerlich schmunzeln, sondern wird uns auch immer wieder an geeigneter Stelle und zum richtigen Zeitpunkt liebevoll erinnern, was wichtig ist, um auch diese nächste Runde erfolgreich zu meistern.

PT Magazin, 24.06.2020

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